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Brief von Gottfried
Buchmüller an seinen Bruder Hans vom 7. Juli 1895
Lieber Brutsch Hans!
Ich
will Dir noch speziell für Deinen Geburtstagsbrief danken. Du
musst eine besonders gut aufgelegte Stunde gehabt haben, als Du ihn
zusammenbrautest. Wie fühlst Du Dich in Deiner
Füxmajor-Würde, unter dem Heiligenschein unter der
blauen Mütze? Ich denke jeden Samstag an Euch in der
Verbindung. Ich hoffe Mutz, Stamm, Mus und Mani hierher zu schleppen.
Kasser könnte mit mir die Bude teilen und 2 auf dem Boden im
Zimmer wo jetzt Sartorius mit Hermann ist, zelten. Mit den beiden
letztgenannten habe ich täglich feine Stunden, ich koche ihnen
Heitibrei und Eierrösti und sie leisten mir Kirschen etc.
Gestern fuhren wir nach Potsdam à 50 Pfennige
ungefähr von Bern bis Thun. Von dem Mausoleum des Kaisers
Friedrich, dem wundervoll angelegten Schloss Sans-Souci, v. den Zimmern
Friedrich des Grossen und Voltaires, andern Schlössern,
Parkanlagen, den Prinzen etc. muss ich erzählen. Nach einem
Bad fuhren wir bei prächtigem Abendhimmel, bei
Schweizer-Liedern und Trompetenschall mitten in Berlin ein. Ich muss
jetzt noch manches profitieren, solange die beiden noch da sind. So
kannst Du Dir vorstellen, dass wir 3 nächsten Samstag, wenn
Ihr in der Verbindung an der Arbeit seid, auch auf die Arbeit gehen.
Abends 9 Uhr treffen wir uns mit einem Geheimpolizisten, der uns von
der Stadtmission empfohlen ist, zur Musterung der
Verbrecherschlupfwinkel Berlins. Wenn Ihr schon lange schnarcht, werden
wir Kneipe für Kneipe absuchen, um so einmal "Berlin bei
Nacht" zu sehen. Als Präparation lese ich ein
Büchlein "Berliner Polizei
und Verbrechertum".
Ja,
man wird gebildet! In der letzten Zeit habe ich noch allerlei
angesehen: Zoologischer Garten, Aquarium, die Schliemann'sche Sammlung,
enthaltend die berühmten Fundstücke aus dem alten
Troja, nächstens das grosse Gefängnis etc. Du siehst,
das Leben hier ist interessant. Theologisch bin ich nicht weit
gediehen, aber dafür im Allgemeinen. Bekanntschaften mit
deutschen Studenten habe ich fast keine gemacht. Wir sind immer unter
uns. Alle 14 Tage ist Schweizerabend, und mehr oder weniger
gemütlicher Höck. Ich erlebe hier lauter
Aussergewöhnliches: Geburtstag, silberne Hochzeit (der
Eltern). Die letztere feierte ich bei einem feinen Diner im
Rathauskeller. Die 2 Basler lud ich zu einer Flasche Rheinwein ein,
dann dampften wir die Spree hinauf und "jodelten". Abends war ich mit
ihnen im Jünglingsverein.
Für Mamas Brief
lass ich vielmal danken, er hat mir sehr wohlgetan. Wenn sie gestern
Geburtstag hatte, so habe ich auf der Heimfahrt ihrer gedacht. Fein,
dass Du mit allen gut auskommst. Hurni soll mir eine Berner Chronik
schreiben. Fritz lasse ich speziell grüssen, schön
dass er mitkommen konnte. Meine Ferien beginnen anfangs August. Da
sehen wir uns wieder. Adie schöne Schosshalde! Hier muss ich
3/4 Stunden laufen zu einer grösseren Anlage. Mittags ist's
oft stechend heiss. Gut Nacht! Viele Grüsse an Papa und Mama
und wer zu unserem Stamm gehört.
Dein Gottfried
| Chronik der Buchmüller, 1975, 2005 |